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Der Mainzer Mediensoziologe und Gesellschaftstheoretiker Prof. Dr. Sascha Dickel. Bild: Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

Wankt die Mensch-Maschine-Differenz?
Über die Kommunikation mit ChatGPT und das Streben nach Artificial General Intelligence

Veröffentlicht: 05.12.2025, 15:10 | Lesezeit: 5 Min.

Sendung am 05.12.2025, 20:15 | 60 Min.  
Mitwirkende: Sascha Dickel, Phillipp Krüger und Marcel Schütz

 

  • Die neue Folge des Podcasts der Forschungsgruppe: „KInote“

  • Der berühmte Turing-Test – neu betrachtet für unsere Gegenwart

  • Das erhebliche gesellschaftliche Transformationspotenzial der KI


Der Mainzer Soziologe Sascha Dickel
 befasst sich damit, wie Maschinen als Künstliche Intelligenzen kategorisiert werden und unter welchen Bedingungen diese Kategorisierung in unserer Gesellschaft Akzeptanz finden kann. Geboren 1978 in Gießen, studierte Dickel Politikwissenschaft und Soziologie in Marburg und Frankfurt. Er promovierte 2010 an der Universität Bielefeld und habilitierte sich 2019 an der Technischen Universität München. Seit 2021 ist er Universitätsprofessor für Mediensoziologie und Gesellschaftstheorie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. 

 

In einer aufschlussreichen Veröffentlichung in diesem Jahr analysiert Dickel, inwiefern Künstliche Intelligenz die Unterscheidung von Menschen und Maschinen infrage stellt und welche Rolle dabei die etablierte Mediatisierung des Mensch-Technik-Verhältnisses spielt. Besonderes Augenmerk wird dabei auf einen wegweisenden Aufsatz von Alan Turing aus dem Jahr 1950, Computing Machinery and Intelligence, gerichtet, der gerade im Hinblick auf die Entwicklungen der Gegenwart als Blaupause für eine kommunikative Lösung des Problems maschineller Intelligenz (neu) gelesen werden kann. 

 

Die aktuelle KInote-Folge:

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Künstliche Intelligenz als gesellschaftliche Aushandlung
 

Dickel fragt, unter welchen Bedingungen Maschinen in unserer Gesellschaft als „intelligent“ gelten. Sein Ausgangspunkt: KI ist kein fest definiertes technisches Objekt, sondern eine kulturell umkämpfte Kategorie, die sich mit jedem technologischen Entwicklungsschub neu formiert. Ob wir etwas als Künstliche Intelligenz betrachten, hängt daher weniger von der inneren technologischen Funktionsweise ab als von den Erwartungen, die wir an die Technologie richten – und davon, wie uns diese in unserer Lebenswelt begegnet und diese beeinflusst.
 

Verschiebung der Grenze zwischen Mensch und Maschine

Im Zentrum von Dickels Analyse steht die Beobachtung, dass aktuelle KI-Systeme die traditionelle Unterscheidung zwischen Menschen und Maschinen herausfordern. Während frühere KI-Anwendungen vor allem im Hintergrund technischer Infrastrukturen arbeiteten, treten heutige Systeme sichtbar und hörbar als kommunikative Gegenüber auf, die in unseren Kommunikationen eine gewichtige Rolle spielen können. Sie gehen aus dem engen Bereich der Expertendomänen in alle Gesellschaftsbereiche über. Diese Verschiebung oder Weiterentwicklung öffnet eine Zwischenzone, in der Maschinen nicht mehr bloß Werkzeuge sind, sondern verstärkt wie eigenständige Akteure, wie tatsächlich Mitwirkende, Mitdenkende und Mitentscheidende, erscheinen. Dadurch geraten stabile Grenzziehungen – vor allem jene, die Menschen mit ihrer natürlich hervorgebrachten Intelligenz normativ von der Maschine unterscheidet – ins Wanken.

Kommunikative KI: Warum Interfaces entscheidend sind

Ein zentrale These der Forschung Dickels lautet, dass Maschinen dann als intelligent wahrgenommen werden, wenn sie kommunikationsfähig erscheinen. Kommunikativierung ist das Stichwort. Entscheidend ist weniger, was Maschinen technisch leisten, sondern wie sie uns begegnen und auf uns einwirken. Hier setzen speziell hergerichtete Interfaces an: Chatfenster, Sprachdialoge oder visuelle Oberflächen schaffen eine mediatisierte Kontaktzone, in der Maschinen menschliche Ausdrucksformen imitieren können. Komplexe algorithmische Prozesse bleiben verborgen, während Nutzer:innen nur die Oberfläche sehen – eine Form der „kommunikativen Verähnlichung“, die Maschinen in soziale Nähe rückt und sie als Gesprächspartner plausibel macht.

AGI-Diskurs als Zukunftsversprechen

Aufmerksamkeit richtet Dickel auch auf die (schon alte und wieder) aktuelle Debatte um Artificial General Intelligence (AGI). AGI fungiere weniger als kurzfristig realisierbares technisches Ziel, sondern vielmehr als Zukunftsnarrativ, das die kulturelle Unsicherheit über den tatsächlichen Status heutiger KI überbrückt. Dieses Narrativ hält die Vorstellung einer „echten“, menschenähnlichen Intelligenz für die Zukunft offen – und schafft so einen Erwartungshorizont, in dem heutige Maschinen als Vorstufen dieser Zukunft gelesen werden können. Der Diskurs auf dem Weg zu einer AGI stabilisiert damit symbolisch das, was technisch noch unbestimmt ist: den Realitätsstatus der KI.

KI zwischen Fiktion und Fakt

Der Mainzer Gesellschaftsforscher gelangt zu der Folgerung, dass KI gegenwärtig eine ontologische Hybridposition einnimmt – sie ist zugleich reales technisches System und kulturelle Projektion. Die gesellschaftliche Wirkmacht von KI entsteht nicht nur aus algorithmischen Fähigkeiten, sondern aus der Weise, wie sie über Interfaces kommuniziert, Erwartungen bündelt und unsere sozialen Kategorien herausfordert. Gerade weil KI zwischen Fiktion und Fakt oszilliert, wird ihr gesellschaftlicher Status anhaltend weiterverhandelt. In dieser Aushandlung gründe, so argumentiert Dickel, die Dynamik des aktuellen KI-Booms. Dass dieser Fortschritt auch gesellschaftliche Risiken und Probleme mit sich bringt, verschweigt die Diskussion im Podcast nicht. Gleichwohl weiß unser Gast auch die Annehmlichkeiten der modernen Technologien zu schätzen. Im Alltag nutzt er Sprachmodelle gern und vielfältig – und macht, wie viele, die Erfahrung, regelmäßig sowohl hilfreiche als auch unnütze Ergebnisse zu erhalten. 

Die Folge greift zentrale Aspekte und Argumentationen aus Sascha Dickels Analyse auf und entwickelt daran anschließende Entwicklungen im Hinblick auf die derzeitige Diskussion über generative KI und die Nutzung von Sprachmodellen. Das Gespräch führen Prof. Dr. Marcel Schütz und wissenschaftlicher Mitarbeiter Phillipp Krüger von der Forschungsgruppe KIWIT.

Aktualisiert: 05.12.2025

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