Funktionen und Folgen Künstlicher Intelligenz
in der Wissenschafts- und Hochschulorganisation
Innovationsanalyse und Transferentwicklung
KIWIT ist ein interdisziplinärer und universitätsübergreifender Forschungsverbund.
Gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR).

Ein Jahr KIWIT
Data Scientist Fynn-Frithjof Kraft promoviert bei KIWIT – interdisziplinär eingebunden mit weiteren Doktorand:innen. Bild: KIWIT
Ein Jahr KIWIT: Das Spezial
KI als interdisziplinäres Abenteuer
06.05.2026, 12:14 | Red. KIWIT
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Im Frühling 2025 durch das BMFTR eingerichtet
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Erfahrungen, Fortschritte und was die Gruppe bewegt
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Starke Eindrücke mit persönlichem Akzent: Promovierende im Fokus
Die Forschungsgruppe KIWIT verbindet die Sozial- und Bildungswissenschaften mit der Informatik, um KI-Entwicklungen in der Wissenschaftslandschaft in sechs Teilprojekten über eine Dauer von bis zu acht Jahren zu untersuchen. Eine erste Zwischenbilanz: Interdisziplinarität ist reizvoll und zahlt sich aus – braucht aber Zeit, Geduld und die Bereitschaft, immer wieder neu zu erklären und zu lernen.
Im Mai 2025 startete KIWIT als eine von zwei ausgewählten Verbundforschungsgruppen im Förderschwerpunkt „Wissenschafts- und Hochschulforschung“ (WiHo) des Bundesforschungsministeriums. Das Team aus den Universitäten Oldenburg, Bielefeld und der Northern Business School in Hamburg vereint Nachwuchsforschende und Professor:innen aus Soziologie, Informatik, Bildungs- und Naturwissenschaften – mit Assoziierten, Forschungs-Beirat und studentischen Mitarbeitenden rund 22 Köpfe.
„Ich denke, mit dem innovativen Methodenmix konnten wir die richtigen Ansätze zur Erforschung Künstlicher Intelligenz in Forschung und Lehre schaffen“, bilanziert KIWIT-Koordinatorin Heinke Röbken, die an der Universität Oldenburg die Professur für Bildungsmanagement innehat. Ihr Kollege von der Hamburger NBS, KI-Professor und Teilprojektleiter Ernst Reinking, hat vor allem die rasche Technologieentwicklung vor Augen: „Das erste von vier Projektjahren war geprägt von der enormen Dynamik im KI-Feld: In immer kürzeren Abständen erscheinen neue Modelle, Algorithmen und Tools.“
Strukturen schaffen und den richtigen Rhythmus finden
Das erste Jahr galt insbesondere aber auch der intensiven Aufbauarbeit. „Strukturen schaffen, den richtigen Rhythmus finden“, pointiert es Heinke Röbken. In einem interdisziplinären Verbundprojekt müssen Abläufe routiniert, Verantwortlichkeiten geklärt und Arbeitsweisen abgestimmt werden.
Neben der monatlichen Gruppenrunde, dem KIWIT-Briefing, entstand gleich zu Beginn ein zweiwöchiges informelles Treffen der Doktorand:innen (die Doktorandenrunde) – zunächst zum Kennenlernen, mittlerweile aber ein Raum für den konstanten Austausch. Alena Klenke (Bildungs- und Sozialwissenschaften) promoviert im Oldenburger Teilprojekt. Eine zentrale Frage war für sie über die zurückliegenden Monate „wo mein Platz in diesem Feld ist und welche Forschungsfragen ich bearbeiten kann und möchte“.
Dass diese Frage nicht trivial ist, liegt auch an der besonderen Konstellation des Projekts. Zweifelsohne ist die Interdisziplinarität zwischen Bildungswissenschaftlern, Soziologinnen und Informatikern der große Gewinn – aber alles andere als selbstverständlich. Es bedeutet, sich auf ganz andere Denkweisen einzulassen.
„Besonders ist hier, dass es doch sehr viele Situationen gibt, in denen das Gegenüber weiter ausholen muss, damit man den Gedankengang nachvollziehen kann. Genau dadurch lernt man viel“, sagt Informatik-Doktorand Fynn-Frithjof Kraft (Data Science) an der NBS. „Man stößt auf Themen und Theorien, über die man sich vorher vielleicht noch nie Gedanken gemacht hat.“
Wenn Disziplinen aufeinandertreffen
Schon nach wenigen Wochen Einarbeitung ist man schnell so tief in der Materie, dass andere fachlich kaum folgen können. Dann wird es auch mal „abenteuerlich“, ist wiederholt die Wahrnehmung – typisch für Doktorarbeiten, die im Mittelpunkt der Forschungsgruppe stehen. Bei gemeinsamen Begegnungen wird diese Tiefe sichtbar: Vieles muss auf höherer Flughöhe vermittelt werden. Das bedeutet nicht mangelnde Kompetenz, sondern unterschiedliche Terminologien, Stile und Perspektiven in Einklang zu bringen.
„Ein Befund aus der Forschung über den Erfolg solcher Projekte ist ja, dass nicht alle Mitglieder alles im Detail verstehen müssen“, kommentiert Marcel Schütz, Professor für Organisation und Teilprojektleiter, sondern, „dass man sich einander über die wichtigen Schnittstellen ins Bild setzt und jenes Wissen zugänglich macht, das für ein möglichst breites, ganzheitliches Verständnis wertvoll oder notwendig ist.“
Auch Doktorand Dennis Düllmann (Soziologie) schätzt den „fortlaufenden Erfahrungsaustausch während der Promotion – nicht zuletzt in für das eigene Selbstmanagement“. Die Herausforderung: fachliche Tiefe zu erhalten, ohne Verständlichkeit zu verlieren. Interdisziplinarität klingt auf dem Papier ganz schön. Sie erfordert aber viel Ernsthaftigkeit, Zeit und Investition. Sonst hängt man sich einander ab und jeder Teil denkt zuerst an sich. „Ob Vernetzungstreffen, Seminare oder unser Podcast – das alles läuft unter einer Marke. Und klar, es gibt auch mal ,richtig Diskussion‘ – aber wo ist das anders?“, fragt Koordinatorin Röbken.
Eindrücke und Einschätzungen der KIWIT-Doktoranden, -Studierenden und Assozierten in der Galerie (klicken/schieben)

Die Forschungsgruppe KIWIT – mit Projektleitung, Projektassistenz, Promovierenden, Mitarbeitenden, wissenschaftlichem Beirat und Assoziierten (Bilder: Privat/KIWIT)

„Den persönlichen Austausch empfinde ich als großen Gewinn. Er ermöglicht es, Einblicke in andere Denkweisen zu bekommen und den eigenen Horizont zu erweitern. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Austausch und Verständnis in gemeinsamen Projekten mündet.“ – Promovendin Alena Klenke (Bild: UOL)

Die Kommunikationsformate der Forschungsgruppe: Wissenschaft, Technologie, Transfer und Interdisziplinarität. Auf den verschiedenen Kanälen, analog und digital, findet fortlaufend Forschungsvernetzung und Public Science statt.

Die Forschungsgruppe KIWIT – mit Projektleitung, Projektassistenz, Promovierenden, Mitarbeitenden, wissenschaftlichem Beirat und Assoziierten (Bilder: Privat/KIWIT)

Der "klassische KI-ler".
Fynn ist im Hamburger Fecht-Club aktiv. In seiner Freizeit widmet er sich neben dem Sport der Landschaftsfotografie und handwerklichen Projekten – das sogar ganz ohne KI.

Der Physiker.
Phillipp macht in seiner Freizeit Impro-Theater. In seiner Abschlussarbeit hat er sich der Physik des Segelns gewidmet. Neben der Promotion findet er Ausgleich im Sport beim Bouldern.

Der Soziologe.
Dennis kommt aus dem Sauerland – und liebt daher naturgemäß Berge, Wälder und Schnee. Wenn er nebst Studium nicht gerade in einem Brauerei-Startup den Vertrieb organisierte, schrieb er seine beiden Abschlussarbeiten über Brückeneinstürze und Flugzeugunglücke.
Bei näherem Hinsehen gibt es trotz aller Heterogenität aber auch Ähnlichkeiten zwischen ziemlich verschiedenen Fächern: „Im vergangenen Jahr habe ich mich vertieft mit der historischen Entwicklung der KI beschäftigt. Man könnte sagen, das Forschungsfeld der KI ist ähnlich multiparadigmatisch aufgestellt wie die Sozialwissenschaften“, findet Phillipp Krüger (Physik und Mathematik), der im Oldenburger Teilprojekt promoviert. Sein Bielefelder Kollege Bernd Eckstein (Soziologie) meint, der Austausch habe ihm „auch geholfen, das Thema Künstliche Intelligenz in einigen Hinsichten zu entzaubern und die soziologische Perspektive auf die Anwendung dieser Maschinen zu schärfen.“
Von Tools zu Kompetenzen
Eine besondere Spannung prägt die Arbeit: Forschungsprojekte sind naturgemäß langsamer als die technologische Entwicklung. Das muss für den Gegenstand von KIWIT ganz besonders gelten. In immer kürzeren Abständen erscheinen neue KI -Tools und Modelloptimierungen. Teilweise entsteht der Eindruck, jede Woche das gerade Aufgebaute wieder einreißen zu müssen. Denn die ursprünglich vorgesehenen KI-Werkzeuge wurden bereits mehrfach durch leistungsfähigere ersetzt – weitere Wechsel sind zu erwarten und werden methodisch eingeplant.
KI-Experte Ernst Reinking ist gleichwohl sehr zufrieden: „Das Team des Informatik-Teilprojekts hat sich in dieser Phase zu einer schlagkräftigen Arbeitsgruppe entwickelt, die diese Entwicklungen kontinuierlich verfolgt, einordnet und erprobt – und damit auf der Höhe des aktuellen Stands der Technik arbeitet.“
Inhaltlich hat sich eine Perspektiverweiterung ergeben. Ausgangspunkt war u. a. die Frage: Welche KI-Tools lassen sich in Lehre und Forschung einsetzen? Dahinter entwickelt sich eine größere Sicht: Welche Kompetenzen sollten an Hochschulen vermittelt werden, wenn KI in Wissenschaft und Arbeitswelt zentral wird? Damit gewinnt das Projekt auch an hochschul- und bildungspolitischer Bedeutung.
Wie denkt das Leitungsteam über die Arbeit des ersten Jahres? – Statements aus Oldenburg, Bielefeld und Hamburg in der Galerie (klicken/schieben)

KIWIT-Koordinatorin Prof. Dr. Heinke Röbken (Projektleitung Universität Oldenburg): „Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit und Innovationsgeist stärken wir die WiHo-Forschung. Ich denke, wir können nach einem Jahr bereits ein wenig Stolz sein.“ (Bild: UOL)

Prof. Dr. Stefan Kühl (Projektleitung Universität Bielefeld): „Mein Highlight ist die KI-Research Class. Jede Woche ein Text, häufig mit der Autorin oder dem Autor als Diskutant. Mit Forschern und Praktikern aus der ganzen Republik, von verschiedenen Universitäten und Unternehmen.“ (Bild: Brand Eins)

Die Kommunikationsformate der Forschungsgruppe: Wissenschaft, Technologie, Transfer und Interdisziplinarität. Auf den verschiedenen Kanälen, analog und digital, findet fortlaufend Forschungsvernetzung und Public Science statt.

KIWIT-Koordinatorin Prof. Dr. Heinke Röbken (Projektleitung Universität Oldenburg): „Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit und Innovationsgeist stärken wir die WiHo-Forschung. Ich denke, wir können nach einem Jahr bereits ein wenig Stolz sein.“ (Bild: UOL)
„Unser Projektmanagement muss auf die inhaltliche Bandbreite eingestellt sein. In den Arbeitsabläufen, der Themengestaltung, den Kommunikationsformaten. Public Science wird bei uns großgeschrieben. Wir wollen hochwertige Informationsformate anbieten und breitere Gruppen an Interessenten erreichen“, hebt Marcel Schütz hervor, der für die Verbundentwicklung und -planung von KIWIT zuständig ist.
Dementsprechend setzt die Gruppe auf eine starke Projektkommunikation, um über die Forschung hinaus den Transfer zu stärken – etwa mit dem stetigen Ausbau der Webseite zu einem Info-Portal und über LinkedIn als wichtigem Vernetzungskanal.
„Die Außendarstellung des Projekts ist sehr hervorzuheben und für ein Drittmittelprojekt schon außergewöhnlich“, findet Friedrich Stratmann, der auf eine lange Erfahrung in der WiHo-Landschaft zurückblickt. Der ehemalige Leiter des HIS-Instituts für Hochschulentwicklung in Hannover ist assoziierter Forscher der Gruppe. „Auch die Research Class, an der ich regelmäßig teilnehme, ist mit ihrer Offenheit und ihrem Niveau ein sehr gutes Format für das Projekt.“
Horizonte erweitern, Perspektiven abgleichen
Dieses Seminar zu Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz findet wöchentlich statt, ist für Externe geöffnet und, da online durchgeführt, recht gut besucht. Häufig nehmen ausgewiesene Autor:innen, Forschende und Praktiker:innen aus Universitäten und Unternehmen teil. Aus dem ganzen Land – und darüber hinaus. Zuletzt mit der Soziologin Elena Esposito, die zur Zeit in Stanford forscht und als wissenschaftliche Beirätin mit der Gruppe verbunden ist.
Bereits zahlreiche Gäste aus Wissenschaft, Technologie und Kultur waren in den Formaten der KIWIT-Gruppe zu Gast – eine Auswahl (klicken/schieben)

Soziologin Gesa Lindemann – am 02.02.2026 in der Reserarch Class

KI-Pionier und Neurobiologe Christoph von der Malsburg – am 08.08.2025 im Podcast KInote

Walter Baco am Klavier – Der Wiener Komponist begleitet den Podcast KInote musikalisch.

Soziologin Gesa Lindemann – am 02.02.2026 in der Reserarch Class
Horizonte erweitern, Perspektiven abgleichen
Im Wissenschaftspodcast KInote treten regelmäßig spannende Gäste auf, die KI entwickeln, erforschen und darüber schreiben. Bislang u. a. mit dem KI-Pionier Christoph von der Malsburg, dem Berliner Schriftsteller und Informatiker Michael Wildenhain (Eine kurze Geschichte der Künstlichen Intelligenz, Klett-Cotta 2024) oder mit dem Regensburger Raumfahrtforscher Hakan Kayal.
Mit den neuen Reihen KI-Kontexte und Promotion Persönlich intensiviert die Gruppe ihre Kommunikationsarbeit: Specials mit den F&E-Abteilungen in großen Unternehmen und zu den Promovierenden im Projekt als Menschen mit individuellen Geschichten, Erfahrungen und Zielen.
Justus Donovan Bösch schreibt momentan seine Abschlussarbeit in der Forschungsgruppe – und bearbeitet Social Media und den Web-Auftritt des Projekts. „In unserer Öffentlichkeitsarbeit zeigt sich die Vielschichtigkeit der Perspektiven auf KI. Von einer technischen Ebene der Funktionsweise bis hin zu soziologischen Gedankengängen, ist alles vertreten. Gleichzeitig ist es eine Herausforderung, diese Komplexität auch nach außen zu zeigen.“
Diese Herausforderung wird auch die nächsten Jahre bleiben. In diesen hat die Gruppe noch viel vor: Videocontent, Summer Schools, Workshops, Konferenzbesuche und natürlich, nach und nach, Publikationen für wissenschaftliche Journals und transferorientierte Magazine. Noch einmal Heinke Röbken: „Vielleicht darf man bis dahin sagen: Wir können aber auch jetzt schon ein klein wenig stolz auf die bisherige Arbeit zurückblicken.“
Kontakt zur Forschungsgruppe:
Manuela Eiben (Projektassistenz)